Die Aussicht zum Jahresende am Silvesterabend ins Theater zu gehen bot mir eine willkommene Gelegenheit, nicht nur die üblichen Rituale von Böllerei bis Bleigießen zu vermeiden, sondern auch darauf neue Perspektiven auf den polnischen Autoren Stanisław Lem zu gewinnen.

Passenderweise läuft im Deutschen Theater in Berlin seit dem 30. November 2025 die Inszenierung „Eine Minute der Menschheit“ von Anita Vulesica (Regie) und Lilly Busch (Dramaturgie) nach dem gleichnamigen Buch von Lem. Dieser dürfte zu den bekanntesten Science Fiction Autoren überhaupt zählen und in Puncto Popularität im Bereich des ehemaligen Ostblocks selbst noch die Gebrüder Strugazki in den Schatten stellen.

Der hier verarbeitete Text zählt hingegen zu den weniger bekannten Werken dieses außerordentlich produktiven Schriftstellers. Ich zumindest kannte es vorher gar nicht, was nicht nur daran liegen könnte, das es „erst“ 1983 erschienen ist und so bereits zu seinem Spätwerk zählt, sondern vor allem daran, dass Lem kurz zuvor 19821 aus der Volksrepublik Polen nach West-Berlin übersiedelte. Neue Werke erschienen von da an vorwiegend im Suhrkamp-Verlag und nicht mehr im Osten.2

Das Buch beinhaltet eine besondere Textform, denn es ist als eine fiktive Rezension eines nicht existierenden Buches verfasst. Von dieser Form machte Lem mehrfach gebrauch, in diesem Fall ist es eine Rezension des gleichnamigen Buches „One Human Minute“ der ebenfalls fiktiven Autor*innen J. Johnson und S. Johnson. Im rezensierten Buch geht es darum zu beschreiben was die gesamte Menschheit in einer Minute macht. Da es ein solches Buch nicht gibt, kommen alle Informationen darüber mehr oder weniger indirekt aus der Rezension sowie aus den in der Rezension erwähnten Quellen. Es geht um Statistiken, Todesarten, Geburten, Umweltzerstörung und letztendlich auch um die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Das Theaterstück wiederum versucht diesen Stoff in eine Bühneninszenierung umzuwandeln. Dabei wird zu einem spannenden Kniff gegriffen. Da es denkbar langweilig wäre eine Rezension auf einer Bühne vorzulesen, wird das Setting in ein überspitztes und für die 1980er wohl nur in den USA typisches Talkshow-Format umgewandelt.

Anstelle eines Rezensenten, werden die verschiedenen Elemente und inhaltlichen Stränge der Buchbesprechung auf sechs verschiedene Literatursachverständige und einen moderierenden Anchorman ausgelagert und somit in sich gegenüberstehende und miteinanderstreitende Charaktäre aufgetrennt.

Auf der Bühne – die trotz aller Elemente einer Fernsehshow den Titel „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ trägt – findet sich neben dem schrillen Moderator „Go Ho Go Missinger“ (gespielt von Benjamin Lillie) das folgende literarische Sextett zusammen:

  • Dr. Dr. Crawley (Katrija Lehmann) ist Expertin für pornografische Möbelmontageanleitungen
  • Dr. Stanley (Frieder Langenberger) leidenschaftlicher Kritiker, der ständig nach der Liebe fragt
  • Dr. Sharkey (Wiebke Mollenhauer) steht nicht nur für die Waffe der Kritik, sondern trägt auch tatsächlich ein Pistolenholster
  • Dr. Wooley (Bernd Moss) verkörpert sämtliche Statistiken aus der Rezension
  • Dr. Aileen Dopamin Roger (Evamaria Salcher) versucht alle Probleme mit den verschiedensten Tabletten und Mittelchen zu begegnen
  • Prof. B. J. Manhattan (Moritz Grove) leitet vor allem die vielen und zunehmend penetranter werdenen Werbeunterbrechungen

Die illustre Runde diskutiert – ganz wie in der Buchvorlage und stellenweise wortgetreu – das unbekannte Buch und transportiert dabei nicht nur eine Menge Kulturkritik, sondern auch die existentiellen Probleme der 80er Jahre, die aus heutiger Perspektive vertrauter denn je wirken. Wir haben da Statistiken über Tote von Raketen und Antiraketen, Milizen, staatliche Folter und Hunger. Dazu kommen noch neue Themen, die Vulesica und Busch in das Stück einfügen und dabei helfen den Stoff in die heutige Zeit zu transportieren. Beispielsweise bei der Besprechung des „sogenannten Lemschen Gesetzes“ welches da lautet:

„Niemand liest etwas, wenn er etwas liest, versteht er es nicht, wenn er es versteht, vergißt er es sofort.“3

Zur Verdeutlichung dieser Regel macht sich die Runde der Literaturkritiker nicht nur über das Guinessbuch der Rekorde von 1983 lustig, welche es als sinnlose Aneinanderreihung von Daten buchstäblich auf den Müll wirft, sondern drückt auch ihre Verachtung gegenüber der Flut belangloser Serien in modernen Streamingformaten aus, bei denen es nicht nur unmöglich ist alles anzuschauen, sondern auch vollkommen egal.

Neben der Quantität und Qualität der allein in einer Minute anfallenden Menschheitsdaten, nimmt die Zeit und insbesondere die Reflektion über den begrenzten Intervall von 60 Sekunden, welcher dem Gedankenspiel des Buches zu Grunde liegt, einen großen Raum ein. Mehr als einmal erleben wir, wie die Akteure ganz bewußt eine Minute verstreichen lassen, zum Beispiel beim Aufrollen einer der vielen empirischen Schautafeln des Dr. Wooley.

Es geht aber auch um eine Auseinandersetzung mit der Zeit im größeren Maßstab. Zeit, als das was vor der Menschheit in dieser spezifisichen einen Minute war und sie entscheidend geprägt und definiert hat, aber auch als das was nach dieser Minute kommen kann. Zum Beispiel in Form von menschengemachten Katastrophen.

Die Handlung zu spoilern wäre kein guter Stil, allerdings gibt es bei einem Theaterstück so oder so nur eine begrenzte Anzahl von Vorstellungen und eine konkrete lineare Handlung gibt es weder in der Buchvorlage noch in dem Theaterstück. Die naheliegende Schlußfolgerung zu offenbaren, dass weder aus den Statistiken über die Menge an menschlichem Blut in Hektolitern einerseits, noch aus dem Appell an die Liebe der Menschen andererseits ein abschließendes Urteil abgeleitet werden kann, dürfte unter diesen Umständen in Ordnung gehen.

Die Menschheit als Ganzes entzieht sich einer vollumfänglichen Erfassung und sowohl die Menschen in ihrer reinen Anzahl als auch in dem was sie ausmacht. Sie bleibt unfassbar.

Da ich – nicht zuletzt aufgrund der Preise – absolut kein (regelmäßiger) Theatergänger bin, war ich um so positiver davon überrascht, wie schön am Ende doch dieser Theaterbesuch war. Die teilweise eher nüchternen oder weniger begeisterten Besprechungen zu dieser Komödie4, die sich im Internet oder in den Zeitungen finden lassen, tangieren mich kaum, da ich in diesem Mikrokosmos der vermeintlich gehobenen Theaterkultur sowieso nicht drinstecke.

Mindestens bis zum 17. Februar 2026 gibt es noch die Gelegenheit in eine der Vorführungen beim Deutschen Theater zu gehen. Ich kann nur empfehlen, diese Gelegenheit wahrzunehmen, selbst ohne das (mit nur 97 Seiten sowieso äußerst knappe) Büchlein vorher gelesen zu haben.

Eine wohltuende Ergänzung zu den gängigen Silvesterfestivitäten hatte ich damit auf jeden Fall gefunden und der Besuch wird mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben.

  1. Die Ausreise erfolgte mutmaßlich im Zuge der politischen Krise, die 1981 bis 1983 in Polen dominierte ↩︎
  2. Eine Ausnahme hiervon bildet der Roman „Frieden auf Erden“, der 1986 noch bei im Verlag Volk und Welt erschienen ist. ↩︎
  3. Siehe: Lem, Stanisław (1983). Eine Minute der Menschheit: e. Momentaufnahme. Seite 2 ↩︎
  4. Und als Komödie lässt sich „Eine Minute der Menschheit“ sicher einordnen. Das finde ich aber auch nicht weiter schlimm, da Humor in sehr vielen von Lems Werken steckt und hier auch einen guten Zugang zum Thema darstellt ↩︎

Hinterlasse einen Kommentar

Angesagt