Dieser Kurzroman von Sergej Belajew fiel mir während eines Wochenendbummels durch die Berliner Antiquariate in die Hände. Der gute Erhaltungszustand dieses Exemplars aber auch der Umstand, dass der Titel eine Geschichte rundherum um die Suche nach einem hypothetischen Planeten in unserem Sonnenystem verspricht, haben mich augenblicklich zugreifen lassen.

Nicht erst seit der Rückstufung Plutos zu einem Zwergplaneten, in deren Folge die offizielle Anzahl der Planeten in unserem Sonnensystem auf 8 gesunken ist, begegne ich diesem Thema immer wieder.

Erst kürzlich verkündete NASA-Administrator Jared Isaacman in einer Anhörung im US-Senat das es Bestrebungen seiner Behörde gäbe, die notwendigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu gewinnen, um eine Neuklassifizierung von Pluto als neunten Planeten zu erreichen.

Das bot mir den willkommenen Anlass mich in das Rabbit Hole der Planetenzählung zu stürzen. Einen schönen Überblick in das Thema habe ich in dem Vortrag „How Many Planets in Our Solar System? Glad You Asked!“ gefunden, den Michael Büker auf dem 37C3-Chaos Communication Congress gehalten hatte.

Büker fasst in seiner Präsentation für Laien verständlich und in übersichtlicher Form die wichtigsten Diskussionen um die Klassifzierung der verschiedenen Objekte in unserem Sonnensystem zusammen. So konnte ich zum Beispiel vom Planeten Vulkan erfahren, der im 19. Jahrhundert in einer sonnennahen Umlaufbahn vermutet wurde und dessen angenommene Graviation bestimmte Ungenauigkeiten in der Bahnberechnung des Planeten Merkur erklären sollte. Diese Hypothese hat sich als falsch herausgestellt.

Auf ihr folgten viele weitere Ideen und schließlich gelang es 1930 dem amerikanischen Astronomen Clyde Tombaugh unserem Sonnensystem ausgerechnet mit der Entdeckung von Pluto tatsächlich einen neuen Himmelskörper hinzufügen. Die Zahl der anerkannten Planeten stieg dadurch von 8 auf 9.

Und genau an dieser Stelle setzt die Geschichte von Sergej Belajew an. Sie wurde 1945 veröffentlicht und spiegelt in etwa den damaligen Kenntnisstand wider. Sie spielt in der damals nahen Zukunft am Abend des 20. Dezember 1956 in einer nicht näher bezeichneten Stadt der Sowjetunion. Michaeil Sergejewitsch Solnzew, ein alternder Hochschullehrer und Direktor des „Astronomischen Hauptinstituts“, ist in seine Arbeit vertieft als er unerwarteten Besuch von Jurij Kritschigin, einem seiner früheren Schüler, erhält.

Es stellt sich heraus das Kritschigin inzwischen selbst Professor und Gründer eines Observatoriums im Altajgebirge ist. Ihm wiederum ist es gelungen die oben bereits erwähnten Probleme bei der Bahnberechnung des Merkur vollumfänglich zu lösen und durch die Existenz eines weiteren, eines zehnten Planeten zu erklären. Seinen Überlegungen zu Folge würde sich dieser Planet aber nicht in der Nähe des Merkur sondern direkt auf der Umlaufbahn der Erde befinden.

Dieser zehnte Planet könne von der Erde aus aber nicht beobachtet werden, da er sich am der Erde gegenüberliegenden Punkt der Umlaufbahn befände und daher immer die Sonne zwischen beiden Himmelskörpern stehen würde. Um die Existenz dieser Nummer 10 nicht nur mathematisch zu beweisen, sondern auch ganz praktisch, hat Jurij – der von Solnzew in der Folge nur noch „Jura“, „Jurissimus“ und „Jurotschka“ genannt wird – gleich noch ein neuartiges Raketenauto konstruiert.

Dieses von ihm „Planetoplan“ getaufte Fahrzeug atmet voll und ganz den Geist der damaligen Zeit. Nicht nur, dass es durch „kolossale Vorräte“ an „Innen-Atomenergie“ angetrieben wird, nein dafür hat Jura sogar extra noch ein neues – von ihm als „Radium-zwei“ bezeichnetes – Element entdeckt. Und mit diesem Gefährt soll die Reise zum neuen Planeten praktischerweise nun nur noch 28 Minuten dauern. Es mangelt also nicht an Entdeckergeist und Erfindermentalität.

Die beiden Wissenschaftler starten umgehend zu einer spontanen Testfahrt um die letzten verbliebenen Zweifel des Direktors auszuräumen. So spontan, dass sie neben zwei Butterbroten mit Kaviar und Schinken und einer Taschenlampe als Ausrüstung nur noch eine Flasche mit „Laborsprit“ zu ihrer Reise ins Weltall mitnehmen.

Beim Landeanflug auf den gesuchten Planeten kommt es jedoch zu einem tragischen Bedienfehler, so dass sie eine Art Bruchlandung hinlegen aber ansonsten unversehrt bleiben. Es stellt sich heraus, dass diese Welt zwar aufgrund der gleichen Umlaufbahn, erdähnlichen Bedingungen unterliegt, aber dennoch eigenartig anders ist. Unfreiwillig werden Jura und Solnzew voneinander getrennt, so dass sich der Direktor auf eigene Faust und unter Anwendung seines ganzen astronomischen und physikalischen Wissens in der fremdartigen Umgebung orientieren und zurechtfinden muss. Zum Beispiel ist es aufgrund der unterschiedlichen Neigung der Planetenachse hier nicht mehr der Polarstern, der die Richtung nach Norden weist, sondern die Wega. Auch gibt es nicht nur einen Mond, sondern gleich mehrere.

Bis hierhin scheint die Handlung eine Art langen und abenteuerlichen Prolog absolviert zu haben, denn das eigentliche und deutlich ernstere Hauptthema des Buches ist die Reflektion über den gerade beendeten Zweiten Weltkrieg. Dieser hat auch in der Zukunftssowjetunion des Romans bleibende Spuren hinterlassen hat. Und als sich auf dem zehnten Planeten ebenfalls Artefakte finden, die auf ein analoges Ereignis in seiner Vergangenheit schließen lassen beginnt eine philosophische Spurensuche, die ganz im Zeichen des damaligen historischen Materialismus steht.

An dieser Stelle hatte ich mich auf die Suche gemacht um mehr über die Biografie des Autoren herauszufinden. Allerdings habe ich bis auf einen knappen Artikel in der russischen, ukrainischen und japanischen Wikipedia nicht viel finden können. Belajew, von Beruf Arzt, wurde 1883 in Moskau geboren und ist dort auch 1953 gestorben. In den 1930er und 40er Jahren schrieb er noch einige andere Science Fiction-Werke, wegen derer er im russischen Sprachraum wohl auch zu einiger Bekanntheit gelangte. Weitere Übersetzungen ins Deutsche ließen sich aber nicht finden.

Darüber hinaus bleibt es dunkel. Ähnlich sieht es auch mit dem Verlag aus. Das lediglich 136 Seiten umfassende Büchlein wurde im SWA-Verlag aus Berlin herausgegeben. Dieser existierte, je nach Angabe, von 1945/1946 bis 1949 und war der Verlag der sowjetischen Militäradministration in Deutschland. In ihm wurden neben literarischen Klassikern wohl hauptsächlich deutschsprachige Ausgaben von russischer Prosa, Belletristik und politischer Theorie veröffentlicht.

Ich vermute, das seine Existenz nach der Gründung der anderen ostdeutschen Verlage in den folgenden Jahren einfach nicht mehr notwendig war und er deswegen aufgelöst wurde. Dafür spricht, dass „Der zehnte Planet“ 1952 noch einmal mit einem neuen Titelmotiv als Romanheft im Verlag Kultur & Fortschritt herausgegeben wurde.

Der charakteristische Stil der frühen Science Fiction wirkt hier besonders kurios, da im Jahr der Erstveröffentlichung weder der Sputnikstart noch der Gagarinflug geschehen war und auch die konkreten Bedingungen und Erfordernisse des Weltraumfluges – wie etwa Vakuum, Schwerelosigkeit, Strahlung oder Raumanzüge um nur einige Dinge in den „Raum“ zu werfen – noch nicht vollumfänglich in das Alltagsbewußtsein der Populärkultur vorgedrungen waren.

Demzufolge hatte sich die Weltraumrakete noch nicht als das etablierte Reisevehikel durchgesetzt. Die R-7, das Vorläufermodell der berühmten Sojus-Rakete, hatte ihren Erststart immerhin erst 1957, also nicht mehr zu Lebzeiten des Autoren. Ein atomgetriebenes Auto wie der „Planetoplan“ dürfte damals also noch als gewagte Zukunftsvision durchgegangen sein.

Eine der schwarzweiß gezeichneten Illustration aus dem Buch "Der zehnte Planet". Zu sehen sind die beiden Protagonisten beim Aussteigen aus ihrem Planetoplan. Ihr Blick richtet sich in den Himmel zu den beiden aufgehenden Monden.

Das Buch enthält einige stimmige Zeichnungen von R. Lieder, über dessen Wirken als Illustrator ich leider ebenso wenig in Erfahrung bringen konnte, außer dass sich seine Namensnennung in einigen antiquarischen Katalogen aus der selben Zeit findet.

Bei mir bleibt nach der Lektüre der Eindruck, einen gelungenen und unterhaltsamen Roman bekommen zu haben, der sich aufgrund seiner eher simplen Struktur und der wohl auch etwas einfacheren Übersetzung locker an einem verregneten Nachmittag lesen lässt. Die Story ließe sich zum Vergleich etwa ebenso in einem Perry-Rhodan-Heft abbilden.

Interessanterweise findet sich am Ende der Geschichte ein populärwissenschaftlicher Nachtrag, in dem Belajew eine kurze Einordnung der Romanhandlung in die astronomischen Zusammenhänge seiner Zeit aber auch in Fragen des Weltraumflugs und der Möglichkeit von außerirdischem Leben vornimmt.

Eine Besonderheit dieses Buches dürfte abermals in seinem Entstehungszeitraum begründet liegen. Denn 1945 war der Kalte Krieg noch nicht das dominante und alles überlagernde Motiv, das er in den Publikationen der folgenden Jahrzehnte zweifellos war. So erleben wir hier eine Sowjetunion in der die Menschen mit Freude Jazz hören und die Wissenschaftler ohne Einschränkung auf die Erfolge ihrer amerikanischen Kollegen verweisen. Es wird mit Begeisterung vom Kinobesuch in „King Kong“ berichtet und vom Neubau leistungsstarker Teleskope auf dem Mount Wilson geschwärmt. Das ist etwas, was bereits in den Neuerscheinigen nur wenige Jahre später wohl nicht mehr denkbar gewesen wäre.

Unterm Strich würde ich dem Buch als Bewertung dreieinhalb von fünf möglichen Sternen geben und aufgrund der spezifischen Atmosphäre für Fans des Retrofuturismus eine Leseempfehlung aussprechen. Wer hingegen tiefgründige Sinnfragen beackern möchte oder eingehende technische Visionen sucht, wird hier eher nicht fündig.

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