Für einen Urlaub in Vorpommern braucht es das passende Buch, was lag da näher als sich für diesen Zweck den Roman von Luise Meier rauszusuchen, der vor relativ kurzer Zeit (2024) im Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienen ist und dessen Handlung in genau dieser literarisch sonst eher vernachlässigten Region spielt.
Doch würde diese Veröffentlichung überhaupt so richtig in das Thema dieses Blogs passen? Ich glaube schon, immerhin ist mir diese Autorin bereits aus dem 2025 veröffentlichten Kurzgeschichtensammelband „Andymonaden“ bekannt. Dort lieferte sie einen für meinen Geschmack etwas sperrigen Text über eine Art Frauenplenum und die strukturellen und politischen Hürden, welche die ersten Generationen der Bewohner eines neu besiedelten Planeten zu meistern hatten. In dem Sammelband vertrat die in Ostberlin geborene Theatermacherin und Punkmusikerin eine der wenigen ostdeutschen Perspektiven.
Der Klappentext des Buches verspricht eine Welt in welcher die Elektrizität dauerhaft ausfällt. Anders als in den unzähligen bisher veröffentlichten Geschichten sollen hier aber keinen marodierenden Banden oder blutige Verteilungskämpfe über die Gesellschaft hereinbrechen, sondern im Gegenteil ein „Traum, der viel zu schön ist, um wahr zu sein“, nämlich das Ende von Geldnot, Konkurrenzdruck und sozialer Ungleichheit.
Meine Neugier war damit augenblicklich geweckt. Wie würde so eine Welt aussehen, wie soll das funktionieren? Würde das Buch ebenfalls aus anstregenden Theoriedebatten bestehen und sich am Ende lesen wie ein gesellschaftskritisches Sachbuch?
Nein, definitiv nicht. Zwar ist der Einstieg nicht ganz einfach, da der Text etwas verworren ist und eine Art Montagetechnik angewendet wird, aber es liest sich wesentlich angenehmer als in besagter Kurzgeschichte. Das Buch hat inklusive Anhang und Danksagung insgesamt 303 Seiten und kommt in vier Teilen daher. Die Textarten sind dabei höchst unterschiedlich, von überlieferten Protokollfragmenten über Gesprächssituationen bis hin zu selbstrefletierenden Erinnerungen, Songtexten und sogar Drogentrips ist alles dabei, was in eine Textform gepresst werden kann.
Die Texte beziehen sich nicht immer aufeinander, daher würde ich sie lieber Szenen nennen anstelle von herkömmlichen Kapiteln. Die Protagonist*innen wechseln sehr oft und einer der wenigen roten Fäden stellt dabei Maja dar, die als eine reisende Protokollantin durch die Orte und Gegenden zwischen Marzahn und der Insel Rügen zieht und dabei Interviews führt und Geschichten darüber niederschreibt, wie die Menschen seit dem großen Stromausfall das Leben organisieren und mit sich und ihren Problemen zurechtkommen.
Die Stromausfälle begannen im Jahr 2025 und seit 2027 ist die flächendeckende Versorgung mit Elektrizität dauerhaft verschwunden. Die Handlung setzt nur kurze Zeit später ein. Damit wäre das Buch kein klassischer Science Fiction-Roman sondern eher Speculative oder Social Fiction aber ich vermute auch mit dem Label einer Utopie hätte die Autorin keine Bauchschmerzen.
Die Geschichte bleibt hierbei zu jeder Zeit sehr fragmentarisch, eine größere übergeordnete Handlung oder eine klassische Heldenreise finden hier nicht statt. Auch Gegenspieler*innen, verlorene Dinge oder gar einen Grundkonflikt suchen Leser*innen hier vergeblich.
Das Buch ist stattdessen ein Mosaik aus von einander unabhängigen Ereignissen vor einem gemeinsamen Hintergrund, die zusammengefügt ein großes Bild ergeben. Die verschiedenen Charaktere, etwa die Belegschaft eines ehemaligen Luxushotel oder eine Gruppe ehemaliger Soldaten, werden vornehmlich dazu genutzt einzelne Argumente einer politischen Debatte zu verkörpern und weniger um eine konkrete Handlung auszufüllen.
Mehrmals erwischte ich mich bei der Lektüre, dass ich in so eine Art Nörgelmodus verfallen bin, von wegen „aber sie vergisst ja dieses Problem, und jene Leute blendet sie auch aus und überhaupt, das geht doch so gar nicht“ aber mit der Zeit arbeit Luise Meier ein Problemthema nach dem anderen ab.
So werden allerhand Kollektivprozesse beschrieben, in denen Menschen gegenseitig die Sorgearbeit für Alte, Kranke und Kinder übernehmen. Es werden Nahrungsmittel produziert und die Landwirtschaft organisiert. Völlig ohne Strom. Hierbei kommt die Tätigkeit der reisenden Protokollantin ins Spiel, die sich all diese kreativen Lösungen in den einzelnen Orten anschaut und diese weiterträgt und so mithilft, den großen Reorganisationsakt zu bewältigen.
Ein Abschnitt, der für mich dabei besonders heraussticht ist eine Szene die den Namen „Life ist feudal“ trägt und nicht zufällig nach dem gleichnamigen Computerspiel benannt ist, in dem es darum geht unter mittelalterlichen Bedingungen eine funktionierende Landwirtschaft aufzubauen. Auf diesem Weg baut Meier eine Brücke von der Lebenswelt heutiger Teenager hin zum Thema des Buches, das fand ich sehr gut gemacht, denn der Protagonist in diesem Teil ist Tomasz, ein Teenager und Gamer, der nun ohne seine Games lernt, einen neuen Bezug zu seiner Umwelt und seiner Nachbarschaft aufzubauen.
Alle diese Szenen zeigen, wie es gelingen kann, auch ohne Strom und ohne die damit verbundene Allgegenwärtig der digitalen Technik, ohne Telefon und vor allem ohne das Internet aber dafür mit einer großen Portion Zweckoptimismus das Leben zu organisieren. Dies funktioniert dabei auch nicht ganz ohne Nostalgie in Form eines wehmütigen Zurückblickens auf das alte Leben. Dieser Rückblick ist dabei mehrdimensional und unterstreicht die immensen Umbruchserfahrungen, welche die Menschen in der Region bereits heute schon durchlebt haben.
So erinnern sich die einzelnen Charaktäre nicht nur an die Zeit vor dem Stromausfall zurück, sondern auch an die Zeit vor der Wende und ziehen permanent Vergleiche. Die Autorin formuliert hier explizit einen progressiven und utopischen Anspruch. Für mich wurde spätestens an dem Punkt klar, dass das Buch sehr gut in meine Sammlung passt, als ich die konkreten Bezugnahmen auf den 1928 verstorbenen sowjetischen Arzt und Science Fiction-Autor Alexander Bogdanow entdeckt hatte. Bogdanow schrieb mit der „Der rote Planet“ (1907) und „Der Ingenieur Menni“ (1912) zwei sehr frühe SF-Romane über eine fortschrittliche Zivilisation auf dem Mars. Beide Titel liegen bei mir auch schon auf dem Lesestapel und warten darauf gelesen zu werden.
Inhaltlich betreibt Meier mit ihrer Idee des Stromausfalls als das die Utopie auslösende Element eine so fundamentale Abkehr von den Prinzipien der sozialistischen Science Fiction, dass die Frage berechtigt wäre, ob sie trotz ihrer vielfältigen Bezugnahmen und Querverweise auf den utopischen Roman, diesen wirklich noch weiterentwickelt oder nicht doch eher abschafft. Aber auch an diesem Punkt kommt die Autorin der Kritik wieder einmal zuvor und lässt die Protagonist*innen ihre neue Welt als primitivistisch und nicht ohne Spott als „Sowjetmacht minus Elektrifizierung“ beschreiben.
Hier möchte ich am liebsten wieder meine Wenns und Abers einwerfen und fragen, wie denn in einer Welt in der dringende Erledigungen mit dem Fahrrad bewältigt werden, neue Fahrradketten und überhaupt neue Fahrräder produziert werden sollen? Und überhaupt, sterben dann, wenn keine Krankenwagen mehr kommen, die Menschen wieder an heute undenkbaren Kleinigkeiten, wie etwa einer Blinddarmentzündung?
Ich glaube alle diese Fragen führen auf die falsche Spur. Es dürfte bei „Hyphen“ nicht um eine technische Betriebsanleitung für das Leben nach dem großen Systemcrash gehen, sondern um eine Reflektion über die sozialen Beziehungen der Menschen und wie sehr diese durch die technologischen und ökonomischen Grundlagen der Gesellschaftsordnung geprägt oder eben auch verunmöglicht werden.
In dieser Lesart interpretiere ich auch den Buchtitel „Hyphen“, der auf ein Geflecht von Pilzfäden verweist und sinnbildlich für das organisch gewachsene soziale Geflecht steht, das sich entwickelt, wenn Menschen in Kollektivprozessen agieren und vielleicht auch für ein Gegenbild zur gesellschaftlichen Vereinzelung der Individuen in der modernen und durchoptimierten Marktwirtschaft. Die an biologische Zellen erinnernden Punkte auf dem schönen von der Grafikerin Marion Wörle gestalteten Schutzumschlag des Hardcover-Buches scheine meine Vermutung dabei zu unterstützen.
Ohne zuviel von der ohnehin eher dünnen Handlung spoilern zu wollen, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Pilzmetapher in den Teilen III und IV des Buches für meinen Geschmack deutlich überstrapaziert wird und streckenweise in einer Verharmlosung des Drogenmissbrauchs mündet. Und hier stellt sich für mich auch die einzige tatsächliche Frage, die bei mir nach dem Lesen bleibt. Wie emanzipatorisch kann eine Gesellschaft sein, wenn die Menschen in ihr einen permanenten Drogentrip brauchen um mit der Welt klarzukommen?
Gerade in Gestalt des Tomasz fühlte ich mich beim Lesen an das Stereotyp des homegrow-Kiffers der 90er Jahre erinnert, der – argumentativ mit Ausreden und Floskeln aus Zeitschriften wie dem Hanfmagazin oder der „Grow“ gerüstet – sich und seinem Umfeld einredet, er brauche seine Drogen um kreativ und leistungsfähig zu sein. Mir fällt es dabei schwer nicht zynisch zu werden, aber eine ganze Reihe von Drogenschicksalen in meinem Familien- und Bekanntenkreis haben mich gelehrt wie hoch der Preis einer Drogensucht für Angehörige sein kann.
Ob vor den Beginn des Buches vielleicht ein kleiner Disclaimer sinnvoll gewesen wäre um die Leser*innen vorzuwarnen, will ich nicht entscheiden. Geschadet hätte es aber wohl nicht. Um einen Punktabzug in der Bewertung komme ich dafür nicht herum.
Dennoch bleibt bei mir der Eindruck eines sehr sympathisch und richtig gut geschriebenen aber trotzdem etwas verkopften Buches. Die eingestreuten theoretischen Häppchen schaden dem Buch nicht, auch wenn sie zum Ende hin etwas zu lang geraten sind. Daher gibt es von mir gute 3 von 5 möglichen Punkten für dieses Buch, das ich gerne gelesen habe und mir meine Zeit zwischen Peenestrom und Ostseeküste nicht hat lang werden lassen.
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