Mein erster Besuch auf einer internationalen Convention liegt nun hinter mir. Nach vier ganzen Tagen voller überwältigender Eindrücke aus allen Haupt-, Rand- und Nebengebieten der deutschsprachigen und internationalen Science Fiction, Fantasy & Horror ist es Zeit für einen kleinen Veranstaltungsbericht so lange die Eindrücke noch frisch sind.

Für ein Ereignis wie dieses gibt es in Berlin nur wenige Orte die so gut passen wie das interdisziplinäre Kulturquartier „silent green“ im denkmalgeschützten ehemaligen Krematorium Berlin-Wedding. Das 1912 errichtete Gebäude versprüht den spezifischen historischen Charme, wie er zu Genres wie Steampunk oder Fantasy sehr gut passt. Die angeschlossenen Parks und der Friedhof bieten zudem jeder Zeit die Möglichkeit eine Auszeit aus dem trubeligen Geschehen zu nehmen und sich auch über die Geschichte des Ortes zu informieren, an dem beispielsweise die Leichname der Offiziere des 20. Juli 1944 eingeäschert wurden.

Und Pausen waren definitiv notwendig, denn zwischen dem 2. und dem 5. Juli haben an der Con, wie ich gehört habe, bis zu 1.000 Gäste teilgenommen und damit doppelt so viele wie noch 2023, als hier am selben Ort die erste MetropolCon stattgefunden hat. Das mag vielleicht auch daran gelegen haben, dass diese Convention gleichzeitig die diesjährige Eurocon war. Dieser Punkt spiegelte sich nicht zuletzt darin wider, dass eine wahrnehmbar große Teilnehmergruppe aus Polen, Schweden und Großbritannien angereist ist und in der Konsequenz eine sehr charakteristische Form des gebrochenen Englisch zur dominierenden Sprache auf den Fluren und in den Hallen wurde. Was mich aber doch überrascht hat, war der relativ hohe Altersdurchschnitt der Teilnehmer*innen, da fühlte ich mich direkt wieder jung unter all den Szene-Haudegen.

Ich möchte mich aber in meiner kleinen Reflektion nicht auf die großen Stars und Ehrengäste konzentrieren. Becky Chambers, Aiki Mira, Bernhard Hennen oder Robert Corvus (etc. pp.) sind allesamt toll in dem was sie machen aber von denen wird sicher auch genügend an anderer Stelle berichtet werden. Ebenso werde ich die verschiedenen Preisverleihungen, Ehrungen und Nominierungen ganz diplomatisch ausklammern.

Von Leszek Kołakowski und den Soviet Space Dogs

Das Programm bot mit 188 Einzelveranstaltungen zudem eine derart gigantische Fülle, dass ich mir kaum vorstellen kann, das es irgendwen gegeben haben könnte, der oder die hier nichts für sich im Plan gefunden hat.

Auch für den mehr oder weniger grob gezogenen thematischen Rahmen meines Blogs war hier jede Menge dabei und ich musste mehr als einmal resignierend feststellen, dass ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann, selbst wenn ich es mir dringend wünsche. Der Übersicht halber will ich hier auch nur einige Highlights aufzählen, die, wie ich finde, nicht untergehen sollten, neben den großen Events der einschlägigen Publikumsmagnete.

Gleich am Donnerstag gab es beispielsweise unter dem Titel „Literatur, Utopie und Politik“ eine spannende Diskussionsveranstaltung der beiden Autorinnen Nathalie Burkowski und Svenja Knisel, die unter zur Hilfenahme des polnischen Philsophen Leszek Kołakowski der Frage nachgingen was eine Utopie ausmacht und wie ihr politischer Gehalt heute sein könnte.

Gleich im Anschluss wurde diese Frage noch einmal ganz konkret gestellt als Natalia Matolinets, Valeriia Savotina und Alona Silina in ihrem Panel „Ukrainian fantastic literature“ über die Entwicklung der ukranischen SF unter Kriegsbedingungen sprachen.

Einen wundervollen Einblick einerseits in die Entstehungsbedingungen der frühen SF von Jules Verne und der zeitgenössischen Entwicklung der Meeresforschung bot der Vortrag „Jules Verne and the Discovery of Marine Research“ der Biologin Bettina Wurche, von der ich mir in einem Anfall von Fear of missing out auch gleich ein signiertes Restexemplar ihres wundervollen Buches aus dem leider insolventen Hirnkost-Verlag gesichert habe.

Eine besonders lehrreiche Erfahrung war für mich das Panel „Post-Soviet Shapes of Science Fiction or: Can we escape?“ in dem Zura Jishkariani, Ádám Gerencsér, Joro Penchev, Valentin D. Ivanov und Alona Silina aus ihren sehr verschiedenen georgischen, ungarischen, bulgarischen und ukrainischen Perspektiven auf die Frage blickten wie unterschiedlich ihr Schreiben durch den Literaturstil des sozialistischen Realismus geprägt wurde, aber auch welche Implikationen sich für die neue SF-Literatur nach dem Zerfall der Sowjetunion ergaben und noch bis heute nachwirken. Leider war der Raum hier vollkommen überfüllt, so dass ich viele Wortmeldungen nicht richtig hören konnte.

Die Veranstaltung „Czech Speculative Fiction 101“ konnte ich mir aufgrund einer parallel stattfindenden Vereinssitzung leider nicht anhören. Julie Nováková gab dort einen Überblick über die tschechische Science Fiction heute und damals, die vom Golem bis zum Roboter bekanntlich alle Register zieht. Aber vielleicht ergibt sich ja irgendwann noch einmal die Gelegenheit diesen Talk irgendwo in ähnlicher Form zu hören.

Einen runden Abschluss bot für mich auf der inhaltlichen Seite, der Vortrag der britischen Kosmologin Emma J King, die einen Überblick über die insgesamt 40 sowjetischen Weltraumhunde gegeben hat, die von 1951 bis 1966 im Rahmen des Raumfahrtprogramms der UdSSR zur Erforschung der Grundlagen für den bemannten Raumflug eingesetzt wurden.

Unmoralische Angebote

Wenn nicht mindestens genauso groß wie das inhaltliche Programm, dann sogar noch größer war das Angebot der unzähligen Shops, Kleinverlage und Verkaufsstände, die auf einer solchen Con nicht fehlen dürfen. Ich fürchte ganz entgegen meiner guten Vorsätze habe ich an jedem der vier Tage einen großen Jutebeutel voll mit neuen & alten Büchern, Zeitschriften und sonstigem Klimblim nach Hause schleppen müssen. Und ich hätte am liebsten doppelt so viel mitgenommen!

Angefangen beim gut sortierten Stand des Otherlands und weiter bis zu unerwarteten Neuentdeckungen, wie etwa dem Kapsel-Magazin, welches SF aus China anbietet. Im Übrigen auch als Hörbuch auf Kassette. Und auch die Punktasten waren mir bisher völlig unbekannt.

Spätestens an diesem Punkt wurde mir klar, dass ich als Leser auf dieser Veranstaltung wahrscheinlich in der Minderheit sein würde. Nahezu jede Person die ich getroffen habe, hat irgendetwas geschrieben, gemalt oder komponiert. Sei es eine Sammlung von Gedichten oder ein fünfbändiger Epos. Hier hat jede und jeder etwas zu verkaufen und das tolle ist, nahezu alle von diesen Publikationen sind total spannend. Alle waren sie komplett unterschiedlich und vollkommen anders. Ich hätte am liebsten von allen etwas mitgenommen und werde jetzt wahrscheinlich mindestens ein Jahr lang an dem neuen Zeug zu lesen haben.

Aber auch für meine themenspezifische Sammlung konnte ich einiges kriegen. Beim Stand der Aktion Bücherrettung, die eine fantastische Quelle für antiquarische SF-Perlen und allerlei lustigen 80er Jahre Trash ist, konnte ich einige Schätze ergattern. Am Tisch vom Andymon-Fanclub gab es noch einige DDR-Fanzines und ältere Sachbücher, die direkt in mein Regal gewandert sind. Allein bei dem Angebot die Ausgabe 7 der Lichtjahr-Anthologie für läppische 200,00 Euro zu erwerben wurde mir ein wenig schwindlig und ich musste resignieren. Was solls, irgendwann werde ich auch diese Lücke schließen können.

Ein kleines Souvenir

Mein Con-Taschengeld wäre sowieso alle gewesen, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits einen Termin mit dem „Fantasy Tattoo“-Kollektiv vereinbart hatte um mir als Erinnerung die Weltraumrakete aus dem Con-Logo stechen zu lassen.

Es ist noch so viel anderes passiert, es gab sogar ein Fediverse-Treffen und das obwohl Mastodon und andere dezentrale Alternativen zu den großen kommerziellen Social-Media-Netzwerken durch die Con-Orga komplett verschmäht wurden. Es gab mit dem ConFact eine digitale „Begleit und Con-Zeitung“ von der immerhin eine Ausgabe erschienen ist. Und in meinem gelben Jutebeutel sind noch so viele andere wunderschöne Dinge. Etwa eine Ausgabe des „Parsek“, des „Paradoxical – Secular Fanzine of SFERA Science Fiction Society“ aus Kroatien.

Aber irgendwann und irgendwo muss auch dieser Bericht ein Ende finden. Und irgendwann brauche auch ich einmal nach diesen vier langen und unglaublich umfangreichen Tagen wieder einen richtigen Schlaf. Sollte es einmal wieder die Chance geben, ein Zusammentreffen wie dieses zu besuchen, werde ich sie auf jeden Fall nutzen. Es hat sich wirklich gelohnt!

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